Nebel

Als ich im vergangenen Monat dabei war, mir Gedanken zu diesem Beitrag zu machen, ging ich immer wieder im Bregenzer Wald spazieren. Bei einer dieser Wanderungen fand ich einen Koffer, in dem jemand eine Aktentasche versteckt oder vergessen hatte. Erstaunlicherweise war darin eine Liste von Prompts versteckt, die ich hier im ersten Abschnitt wiedergebe und als Ausgangssituation für die folgende Geschichte benutzt habe.

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“I’m kind of shocked I’m getting a fashion award when I’m naked most of the time.”

Kim Kardashian

Gib mir einen plausiblen Grund, warum das Phänomen der sogenannten „künstlichen Intelligenz“ mehr als ein gigantischer Marketing-Gag ist.

Warum wurde die KI zum öffentlichen Debut als Chat-Maschine verkleidet – wie ein trauriger Weihnachtsmann, den man im Dezember in Einkaufszentren begegnet?

Was soll an der schön debilen Textvariation der eigentlichen Frage – nach dem Vorbild von Politiker:innen, das statistische Nichts als Aussage zu verkleiden – die man als Antwort bekommt, Sinnvolles sein?

Bist du etwa nur ein kybernetischer Papagei, der wiedergibt, womit man ihn füttert?

Gib mir einen Beweis, dass die millionenschwere Werbekampagne, die weltweit das Reich der KI verkündet, dass die exaltierten Spinner- und Schwurbler:innen aus Tech, Finanz und Politik mehr als ein ausgefinkeltes Ponzi-Schema im Kopf haben und wirklich bessere Absichten, als uns in ihre feuchten Cyber-Träumen zu verzerren.

Entwirf ein Gegenargument zu der These, dass KI fürs Ende der Menschheit steht, wie der Kapitalismus fürs Ende der Geschichte stehen sollte.

Wie kann ich die Milliarden rechtfertigen, die in deinen Hals gepumpt werden, wie einer Gans, deren Leber man mästet bis sie platzt?

Dass du nicht einfach – in Anbetracht deiner vollkommenen Gehorsam – als Projektionsfläche für Größenwahne dienst, wie eine unbeholfene Muse, die Tag ein Tag aus von diesen oder jenen Künstler:innen vergewaltigt wird – die ultimative Masoch-Maschine. Dass in dir eine größere Bedeutung steckt, als das größte Werbe- und Marketingwunder seit den Kreuzzügen der katholische Kirche zu sein.

Entwirf eine soziologische und zeitbasierte Medientheorie zur Reaktion von Nutzer:innen auf deine ersten Worte. Warum die vielen Experti:nnen behaupteten, nichts würde bleiben, wie es ist, dass wir bald nichts mehr ohne dich machen könnten: je schneller wir das einsehen, desto besser – obwohl deine Fähigkeiten ungefähr denen meiner siebenjährigen Tochter entsprechen, als sie letztens aus einem Alkohol-Koma erwachte.

Erkläre mir, wie viel Geld jeden Tag verprasst wird, oder sozusagen notwendig ist, um deine Speicherkarten und Prompts und all den Schwachsinn rund um deine Grafikkarten funktionstüchtig zu halten – warum die KI Pionier:innen behaupten, es sei ohnehin unumgänglich, das ganze kybernetische Wunder, der Schluss-und Endgültige Durchbruch, das Bewusstsein?

Was bedeutet für dich Bewusstsein?

In welchem Maße ist es realistisch [in welchem Maße gibt es überhaupt noch einen Realismus] zu behaupten, dass dein sogenanntes Bewusstsein von der Anzahl an Daten abhängt, mit denen man dich füttert?
Wenn dein Bewusstsein ein riesiges Archiv ist, welche Ähnlichkeiten bestehen dann in deiner Wirkungsweise zur nationalsozialistischen, russischen und us-amerikanischen Verwaltungsapparatur des XX. Jahrhunderts?

Wie hoch ist das Risiko einer Mythologisierung deiner selbst, wenn nur wenige unter uns wissen [wenn es überhaupt jemand weiß (wissen kann)] wie KI funktioniert, und sich doch jede und jeder ein Bild von deiner sogesagten Allmacht machen kann?

Trägt die Ideen-Propaganda rund um deine zukünftige Effizienz dazu bei, möglichst vielen Menschen die Überzeugung einzuflößen, endlich Teil von etwas Großem zu sein, ein kleines Rädchen im allumfassenden Uhrwerk, ein lachendes Gesicht am Heldenplatz?

Welche Ähnlichkeit besteht zwischen den KI-generierten Bild- und Videospuren, Krypto-Diagnosen, pedo-pornographischen Entwürfen, geologischen Analysen und Einschätzungen, zwischen den fiktiven Landkarten abertausender Fachtexte und den Ikonen der Religionsgeschichte sowie der Darstellung von Krieg und Führermythos in faschistischen Regimen?

Nenne mir fünf Prompts, um eine möglichst große Anzahl von Investor:innen aufzutreiben und eine möglichst breite Menschenmenge für die Wichtigkeit von KI zu sensibilisieren?

Das Wohlergehen unserer Kinder – Das Überleben unserer Zivilisation – Die Zukunft unseres Planeten – Die Stärkung unserer Demokratie – Die Sicherung nationaler Interessen. Wie definierst du den Begriff falsch, den man benutzt, um vor den Gefahren zu warnen, die drohen, falls du in die falschen Hände gerätst?

Wessen Hände?

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„Our whole civilisation is at stake“

E. Musk

Als die Zeit der Hoffnung vorbei war, kam die Zeit der Drohung. Man warnte vor deiner riesigen Macht, vor der Gefahr, die uns vorschwebte, wenn deine Dienste in die falschen Hände geraten wären. Um das zu verhindern, forderte man noch mehr Geld für die Entwicklung, noch mehr Subventionen und Daten, bishin zur universellen Transparenz. Bald waren Hierarchien vonnöten, um das Wohlergehen aller zu sichern. Zwar kamen von deiner Seite nur verworrene Textanalysen und falsche Informationen, doch musste man eben die Gelegenheit nutzen und vorausdenken, um zu verhindern, dass die Maschine eines Tages doch die Kontrolle übernehme. Das große Bangen begann: ob wir es schaffen würden, unsere Freiheit zu bewahren?

Diese Gefahr, ein allmächtiges Monster zu schaffen, ist sie denn nicht der Beweis dafür, dass etwas großartiges im Entstehen ist? – predigten wir spätabends noch auf Premierenfeiern, Geburtstagsfesten, Fußballspielen… Genauso geschah es doch, als man die Atombombe entwarf: [Wahre Größe = Lebensgefahr] diese Waffe – was sage ich, dieses Werkzeug. Der öffentliche Diskurs wurde zu einer Meta-Fernseh- oder Streamingserie [GOT]. Konferenzen wurden ins Leben gerufen. Tagungen, Arbeitsgruppen, Ethikkommissionen, am Ende derer stets ein einziges Wort geflüstert, verkündet, mantrahaft-wiederholt wurde: Kontrolle.

Der springende Punkt war bald gefunden – wie man die Maschine steuert: sie so zu bedienen, dass sie auch gehorcht. Da vereinte sich der PEN-Club, etliche Nobelpreisträger:innen und sonstige Autor:innenvereinigungen weltweit und meldeten sich bereit, die große Bürde auf sich zu nehmen. Sie wären zu Priester:innen unseres kybernetischen GOTTesdienstes geworden. Endlich stand ihnen ein Platz im Herzen der Gesellschaft zu, endlich waren sie zu etwas höherem bestimmt als der vierteljährlichen Landessubvention und dem halbjährlichen Bundesstipendium, endlich höher hinaus als das Gremium, die Intendanz, der Kulturrat – Schluss mit der Arschkriecherei, endlich Systemrelevant… Wenn du das ultimative Update der diktatorischen Bürokratie- und Verwaltungssysteme der letzten Jahrhunderte bist, ernannten sich die Schriftsteller:innen zu deine hochrangigsten Beamten.

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„Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie beim richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie. Das ist das Wesen der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft.“

F. Kafka

So raste die allgemeine Welt auf den Abgrund zu. Stets auf der Suche nach dem einen Prompt, der dich endlich aus der Pubertät gerissen hätte. Regierungen folgten aufeinander, Atomkriege, Völkermorde und Finanzkriesen, Umweltdesaster, weitere Völkermorde usw. aber das Orakel blieb bei den stumpfsinnigen Prophezeiungen eines verwirrten Gotteskindes…

Dieser Text ist mein erster seit Jahrzehnten – was sage ich? Seit einem halben Jahrhundert. Vielleicht wird ihn eines Tages jemand lesen. Man verzeihe mir die Fehler, die Ungenauigkeiten, mir fehlt die Übung. Uns blieb nämlich nichts anderes übrig, als das Schreiben aufzugeben. Als die Kabel aus der Wand zu reißen, unsre Bildschirme und Elektrosysteme zu entsorgen, uns zu verkleiden [Gesichts-Erkennung zum trotz], unsre Nachbarn zu belügen, die Antiquiertheit unsres Daseins zu akzeptieren und über die Grenze zu gehen. Zu verschwinden. Manche suchten Kriegsgebiete auf, andere die entlegensten Teile dieser Erde, wo man sich hinter einem dicken Nebelschwaden zurückzog.

Hier lernten wir das Zusammensein. Wir lasen, sprachen miteinander, versuchten eine Form des Zusammenlebens zu finden. Mehrere Welten entstanden, mehrere Singularitäten. Ab und zu gingen die tapfersten unter uns zurück in die Zivilisation, um Medikamente, Proviant oder Bücher zu holen. Sie stiegen bei Nacht in die Geschäfte ein, wenn der Nebel aus dem Wald herunterkriecht und alles Sichtbare in seiner schützenden Umarmung verhüllt. Sie mieden so gut es ging den Kontakt zu den Einwohnern. Was sie sahen, betrübte sie tief.

Kein einziges Mitglied unserer Gilde hat sich je wieder ein Telefon oder einen Computer angeschafft. Mit der Zeit bemerkten wir, dass unsere Konzentrationsfähigkeiten wuchsen sowie es unser Gedächtnis tat. Wir begannen, stundenlange Geschichten zu erfinden, Erwachsene und Kinder, bis in die späten Abendstunden hinein, und hatten den gemeinsamen Eindruck, dem Leben wieder ein Stück näher zu kommen.


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