Landgier

Bald steht der Tempel unserer gemeinsamen Erinnerungskultur. Bald werden unsere Vorfahren den Platz bekommen, der ihnen in der Geschichtsschreibung Vorarlbergs gebührt.

Das Industriemuseum muss ausstellen, was lebt. Was tot und gewohnt ist, gehört nicht ins Museum. Einzigartiges muss in den Räumlichkeiten hergezeigt werden: Reliquienhaftes.

Das Museum soll fabrikartig aus einer breiten Halle bestehen, in der Maschinen aus allen Jahrzehnten aufgebahrt liegen. Es erzählt die Geschichte einer Revolution: Wasserrad, Turbine, Kolben-Dampfmaschine, Dampfturbine, Gas-, Benzin- und Elektromotoren. Es erzählt die Geschichte des Fortschritts, unsere Geschichte.

Der Betonboden, auf dem die Reliquien liegen, wird mit dem Umriss unseres Landes bebildert: Täler, Flüsse und Grenzen, von denen die Industrialisierung geprägt wurde, werden hier präzise gekennzeichnet. Rot einkreisen soll man Wasserkraftwerke, Schmieden, Hammerschmieden und die erste Eisengießerei in Frastanz 1836 (Walzen, Rohre, Pumpen, Bleiplatten).

Daneben, kapellenartig, mit Leuchtschriften verziert, die Gründerzeit. Die Wand wird mit Passbildern der alten und neuen Gründer tapeziert, Fäden verbinden diese und jene, je nach Umsatz und Beziehungen und erweitern das Panorama, in dem die Frage nach einer Führungspersönlichkeit gestellt wird: Jung- und Mittelstand, also jeder, der ein Telefon, einen Fernseher oder sonstwelchen Bildschirm besitzt, erlebt durch dystopische Vorstellungen in Filmen, Serien, Büchern, Zeitungen, Zeitschriften, Pornos, Nachrichtenserien, Filmbüchern, Pornozeitschriften usw. den eigenen Niedergang als unausweichlich (Homo homini lupus est). Sie lernen dadurch, den eigenen Niedergang zu prophezeien (Es muss sein) und endlich zu begreifen, dass Hoffnung besteht, dass wir alles dafür tun müssen, damit unsere Gegenwart eines Tages ihren Platz in diesem unserem Museum findet.

Danach ein kurzer Hinweis auf die anfängliche Heimarbeit und die mit dem Aufkommen der Baumwolle verbundene Massenlohnarbeit: Frauen, Männer, Kinder spinnen, weben, sticken sich all die noch so schönen Finger wund. Doch man kann nicht allzuoft betonen, wie viel Gutes ihnen diese Opfergaben brachten.
Die Geschichte der Frau V. aus Lustenau wurde in großen Buchstaben schwarz auf weiß an die Wand gedruckt: 1813 verkaufte sie ihre jüngste Tochter an einen ausländischen Geschäftsmann, um einen eigenen Webstuhl zu erwerben. Daneben die Abbildungen der Bettelhochzeiten und ein Umriss von Lustenau, wo in schlimmen Zeiten mehr als die Hälfte der Einwohner zum Betteln verkommen war. Doch sind auch diese traurigen Erinnerungen vergessen, sobald das vorhandene Menschenpotential, die Arbeitskräfte von den ersten Bleich-, Spinn- und Webereien einverleibt wurden. Die vorhandene Wasserkraft machte den Rest (Gott segne sie), indem sie die mechanischen Maschinen antrieb.

Daraus schließlich die Bilder der Kriegswirtschaft. Die Heimatfront als genialer Antrieb für die Frauenemanzipation, deren liberale Prägung es ermöglicht, die Forderungen nach einer Gleichstellung bis heute auf ein Arbeitsverhältnis zu reduzieren. Hierbei wird darauf hingewiesen, wie heute zwanzigtausend Menschen aus rund einhundert Unternehmen der Elektro- und Metallindustrie, von denen stolz erwartet wird, dass sie Waren im Wert von 4 Milliarden Euro herstellen, also rund zweihundertfünfzigtausend pro Kopf ihrem jeweiligen Betrieb einbringen, ein tiefes Gefühl des Stolzes, der Dazugehörigkeit in sich tragen. Frauen und Männer, abgebildet in ihren Uniformen, lächeln auf die Betrachterin und (oder) den Betrachter herab.

Ein paar Schritte weiter, der Aufschwung der Aufrüstungsindustrie, der Anschluss. Konsequent wurden in dieser Zeit Straßen und Kraftwerke gebaut. Fremdarbeiter und Kriegsgefangene leisteten an dieser Stelle einen beachtlichen Beitrag. Demgegenüber sehen wir den Aufschwung der Bekleidungsindustrie, in enger Zusammenarbeit mit der deutschen Wehrmacht. Ein, zwei Gemälde aus den damaligen Zeiten ermöglichen uns, die Sichtweisen der damaligen Künstler zu verstehen, den Einfluss von Propaganda abzuschätzen und kritisch zu betrachten.
Diese Etappe unseres Rundgangs wird durch einen Vergleich mit der genialen Vereinbarung eines Künstlerstatus bereichert: Wo damals die Zensur wirkte, agieren heute Versicherungsanstalten und sonstige Kommissionen, um wahre Kunst zu fördern und die Produktion der Kultur und Geisteswissenschaft nach genauen Richtlinien zu vereinbaren. So wie damals, sind Kultur, Industrie und Fortschritt eng miteinander verbunden.

Diese wichtigen Momente der hiesigen Erinnerungskultur werden von den ausgestellten Objekten und Skulpturen allegorisch vorgestellt.

Weiters, die Moderne, das Heute. Die Siebzigerjahre und die bisher wohl feinste Schlaumeierei, Experten und Wissenschafter dazu zu treiben, das industriebasierte Konsumsystem zu kritisieren, in dem wir lebten und leben, um es demselben System (damals) zu ermöglichen, sich als die selbstreflektierende Kritik seiner selbst weiterzuentwickeln und (heute) als deren Produkt zu verkaufen. Das kleine Mädchen mit Zöpfen und bissigen Augen steht hier Seite an Seite mit wohlangezogenen Verfechtern des Fortschritts. Weitere Statistiken und Bilder mit lachenden Menschen zeigen uns, dass hierorts die Industrie GRÜN und BLAU gefärbt, große Rücksicht auf die Umwelt nehmen will.v

Schließlich der letzte Raum: ein Kopfschütteln, Abwinken, sie war tatsächlich zu krisenanfällig, konnte nach Abschluss des zweiten Weltkrieges jenen Wohlstand nicht mehr sichern, der von den Kraftwerken der Zwischenkriegszeit (aus denen man den bösen Geist der Deutschen, der hirnkranken Nazis geräuchert hatte) vorangetrieben wurde. Die Entscheidung also eine einzige, unverzügliche: der Strukturwandel. Vielmehr als eine Entscheidung wohl ein nicht-mehr-Hinschauen, ein sich-Abwenden und mit den Achseln zucken, weil man ja sowieso nichts daran ändern könnte. Der Fraß steht bereit, die Revolution ist vollbracht!

Im hintersten Saal steht das Werk eines inländischen Künstlers, von dem man munkelt, er habe an Idiotie gelitten und das Werk in einem halluzinierten Zustand geschaffen. Ein Wäldermensch sagen die einen über ihn, ein Altenstätter die anderen. Auf dem Schild steht einfach Unbekannt. Datiert mit 1985, wurde die Skulptur mit dem Titel ARBEIT MACHT FREI versehen.

Der Besucher bemerkt unmittelbar bei seinem Eintreten in den Raum, der, breit und dunkel, schwarz gestrichen wurde, dass hier ein Werk von unvergesslicher Tiefe steht. Es stellt zwei Frauen dar, die in einer Umarmung gefangen sind. Die hageren Arme der einen, die in einer Metallrüstung steckt, binden sich um den verhüllten Rumpf der anderen. Die Züge der beiden Schwestern wurden präzise in schwarzen Obsidian gemeißelt, so dass die Zuseher das Gefühl nicht loswerden, dem Tötungsakt, der sich vor ihnen produziert, machtlos beiwohnen zu müssen. Die geheimnisvolle Ruhe der fixierten Bewegung, mit der die eine Frau ihr Kiefer über den Kopf der anderen stülpt, indem sie diese verspeist, löst in uns Menschen Hoffnungslosigkeit aus. Wir müssen zusehen, wie etwas Großes vor uns geschieht, ohne dass wir es begreifen können.

Die Skulptur stellt den Wandel dar, der einem geheimnisvollen Treffen von 1985 folgte: seht euch die Spinn-, Stick- und Webereien an, die Nadeln, Stoffe, Webstühle, Rollen, Garne der hundertjährigen Textilindustrie, wie sie im Rachen der anderen verschwinden. Wie ein über Wochen gemästetes Schwein, das, gehäutet und ausgeblutet, dem gierigen Schlund einer Häckselmaschine ausgeliefert wird, um Faschiertes für die Frischetheke zu produzieren.

Der Museumsbesucher war nicht dabei an jenem Abend, als sich die beiden Schwestern an einem abgelegenen Ort zwischen Rheintal und Allgäu ein letztes Mal trafen. Beide kaum des Redens mächtig, wegen der Kehlkopfoperation, bei der ihre Hälse aufgeschnitten wurden, doch war dies unvermeidlich, um ihre Schlote von dem schwarzen Rauch zu säubern. Es handelt sich um die Schirmherrinnen der Textil- und Metallindustrie, die sich seit über einem Jahrhundert Täler, Flüsse und Wiesen im Ländle aufteilen.

Das Treffen fand auf einer langen, unendlich langen Terrasse am Pfänderhang bei Bregenz statt. In naher Ferne leuchtete die Stadt Lindau, deren Stromrechnung damals wie heute von Bregenz übernommen wurde, im Zuge eines Abkommens, das im Laufe der Entnazifizierung unterzeichnet worden war. Vorne schlummerte das KZ-Außenlager Lochau, vom grünen Unterwald bedeckt, wo sich die Grenzen kreuzen.

Die beiden Schwestern schweigen, sie haben sich seit vierzig Jahren nicht mehr gesehen. Sie lachen beherzt, mit weit aufgerissenen Mäulern, von derselben Traurigkeit beseelt, die wir Menschen bei manchen Wiedersehen verspüren. Auch ohne zu sprechen verständigen sich die beiden: es gibt keine Zeit zu verlieren. Als wüssten sie bereits: Bald wird der Tempel des Fortschritts stehen.

War der Unbekannte dabei, als sich die beiden Figuren trafen? Stand er im Schatten des Gründerhauses am Pfänderhang versteckt, mucksmäuschenstill, und lauschte ihren angestrengten Atemzügen?

Metall und Textil hielten voreinander inne und sahen sich tief in die Scheinwerferaugen. Dann sank die eine Frau auf ihre Knie. Sie habe noch einen letzten Satz vor sich hin geflüstert: „Hütet euch vor der Hoffnung, weil die Hoffnung nur denen Vorteil bringt, die sie euch einreden“. Die zweite, ihre Schwester, fing den sinkenden Körper mit einem Arm um die Taille auf und zog ihn sacht an sich heran.

Sah der Unbekannte zu, als die beiden Frauen in ihrer letzten Umarmung versanken, sich dem Wandel unterwarfen? Was sah er, was hörte er? Vielleicht schloss er wie ein kleiner Junge seine Augen, um an dem Spektakel, das sich auf der Terrasse produzierte, nicht teilhaben zu müssen.

Das eine Maul blitzte auf. Das Haupt sank auf den knienden Körper. Metall vergrub ihre Zahnräder, Sägewerke, Rasiermesser und Klingen in den dünnen Hals ihrer Schwester. Sie riss dem Gesicht zuerst die Ohren ab. Danach sprangen Sehnen, Muskeln, Knochen auseinander, sie sezierte mit einem präzisen Biss die Nervenbahnen, kappte die Verbindungen von und zu jeglichem Kontrollzentrum, sämtliche Synapsen: sie fraß die Frau auf, die ihre Schwester gewesen, deren Platz sie von diesem Zeitpunkt an einnehmen würde.
Der Vorgang wurde äußerst schnell abgewickelt: Bald war der Körper so verunstaltet, dass nur vereinzelte Fleischbrocken auf der Terrasse herumgestreut lagen, in der Form kullernder Scheinwerferaugen, ganzer Stoffplanen, Webkreuze und Stricke. Hörbar war das verzweifelte Knirschen eines Gebisses, ihres Gebisses, mit dem sich Textil verzweifelt an einer Reling festbiss, bis die Zähne schließlich brachen.
Das Zersplittern der Welt, wie es der Unbekannte später im Gasthaus an der Nafla zusammenfasste. Ein Geräusch, von dem er sein Gehirn nicht mehr befreit hätte. Das Geräusch der explodierenden Textilindustrie, deren Fundament knirschend in sich zusammenbrach.

Unten in der Bucht schossen Feuerwerkskörper empor, Menschenjubel ertönte und eine Blaskappelle marschierte in strengen Takten voran. Ringsum lagen die Wälder voller Leichen, hätte es der Unbekannte später verkündet, bei einem seiner Gasthausbesuche. Der Triumph war vollbracht, der historische Moment geschehen. Das Mahl, das große Fressen einer Vergangenheit, die so vieles Geschaffen hat, war endgültig verzehrt.

Viele Fragen wirft dieses Werk im allerletzten Raum auf. Jemand, von dem niemand etwas weiß, hat darauf bestanden, AMF auszustellen. Der Besucher geht von diesem Raum in Richtung Ausgang an einer großen Schrift vorbei, die an die Museumswand gedruckt wurde: Die Wirtschaft vereint und bindet. Sie schafft Erinnerungen, macht Hoffnung und schenkt jedem von uns ein Zuhause.

Was dachte der Idiot, nachdem er all das gesehen hatte? Er, der nichts davon verstehen konnte?


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